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Kelkheim                                                        1934 - 1
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   Vorbemerkung (in Vorbereitung): Fabian von Schlabrendorff schreibt
in seinem Buch "Offiziere gegen Hitler" (1946, 2/1959, S. 18), wie sehr
ihn das Gehabe der Nationalsozialisten abstieß und daß er allein schon
von daher immun wurde gegen ihre allgegenwärtigen, elitären Beeinflus-
sungsversuche.

   Hier sollen Beispiele aus dem Höchster Kreisblatt folgen, wie sehr
der Main-Taunus-Kreis vom Nationalsozialismus infiltriert war, und warum
dieses Gemeinschaftsgetue auf schlichte Gemüter so gefährlich einwirken
konnte. Gleichzeitig wurden mit dem Gemeinschaftswahn aber auch in rei-
chem Maß militaristische und opportunistische Gelüste bedient.

Der Ton macht die Musik

   Im Übrigen achte man ganz besonders auf Folgendes: Derlei Nachrich-
ten, Berichte und Artikel aus dem Höchster Kreisblatt sind sehr oft
aufgeladen mit einem eigentümlichen weihevollen, erhebenden, "bewegen-
den" Tonfall. Er "durchströmt" oder "durchweht" das ganze Blatt in
dieser braunen Zeit, ganz offensichtlich soll er "emporheben". Es ist
ein unüberhörbarer, "erhabener" Klang, er soll Klingen in einem, in
jedem, er soll wie ein Gedicht, wie Musik "bewegen". Und die national-
sozialistische "Bewegung" wollte ja in der Tat "bewegen". Selbst die
stumpfeste Trivialität, der größte Blödsinn soll so durchs getrimmte
Nazi-Herz und -Hirn beseelte Bedeutung erwirken, Wichtigkeit, Status -
mehr noch: Beamtenhörigkeit und Staatsbewunderung, das sollten die
stetig gefühlten Leitplanken des Lebens sein. Ein sehr alter Ton
klingt da übrigens an. Er läutet aus der Kaiserzeit und der Zeit davor
herüber.
   Eine typisch nationalsozialistische Klangfärbung ist da, sie ist
gegenwärtig, es tönt gottesdienst-, messenähnlich. Und von diesem
Bereich, vor allem dem katholischen mit seinen Weihen, Prozessionen,
Fahnen und Heiligenverehrungen, hat der Nazi-Ritus denn auch umdeutend
sehr viel abgekupfert. Ja, selbst grausamste Kriegsberichte von 1939
an sind in der Heimatzeitung, wie sich das Höchster Kreisblatt bei
jeder Gelegenheit apostrophierte, durchgeistert von dieser seltsamen
Nazi-Weihe, dann allerdings mit Blei, Sprengstoff, Zerbersten und Zer-
fetzen vermengt. Eine bizarre, fratzenhafte "Höllenwelt".
   Es ist nicht übertrieben: Gerade die Wiedergabe solcher Texte in
Gänze hilft, das alles zu erspüren lernen. Sachlich geschriebende Texte
fangen davon in der Regel noch nicht einmal einen Bruchteil ein. Ja, je
sachlicher sie angelegt sind, umso emsiger sie sich um treffenden Aus-
druck und ausgeklügelte Differenzierung bemühen, so spürt der "Kenner"
des "nationalsozialistischen Tons", um so deutlicher entfernen sie sich
von der Darstellung des Objekts. So wird schlicht und einfach der Zugang
erschwert, nachzuempfinden, gewahr zu werden, warum ganze Volkschaften
auf den Nationalsozialismus hereinfielen. Zweifellos, für um Aufklärung
bemühte Forschung eine dilemmatische Situation.
   Wer viel im Höchster Kreisblatt der Zeit (1933 bis zum Veröffentli-
chungsende am 31.5.1941) liest, der dürfte ähnliche Beobachtungen an
sich machen: Obwohl die nationalsozialistische Manie und Angeberei der-
maßen lächerlich ist - man kann nicht lachen. Das gilt auch für die
Witze da, für Karikaturen, für alles normalerweise Lustige. So mag heute
ein "Grünes Brett" oder "Rotes Brett" für sich ja ein ganz netter Ein-
fall sein, doch wie sieht's mit der Rubrik im Höchster Kreisblatt "Das
braune Brett" aus? Versuchen Sie mal für sich selbst, ob Sie diesen
Titel witzig finden können. Wenn ja, dann scheinen Sie für makabre
"Welten" eine Ader zu haben - aber irgendwann, so ist zu vermuten,
dürften die Horrorrevuen, aufgerufen durch eigenes Vorbeispulen von
Mikrofilmen, auch Ihnen auf die Nerven gehen.


HK, Dienstag, 30. Januar 1934, S. 7, Rubrik: Aus dem Main=Taunus=Kreis

→ »»
         Pflanzung einer Hitlerlinde in Kelkheim. {*1}

   Die ursprünglich für den heutigen 30. Januar, den Jahrestag der
nationalsozialistischen Machtergreifung vorgesehene Pflanzung einer
Hitlerlinde zur ewigen Errringung [meint: Erinnerung] {*2} an diesen
denkwürdigsten Tag in der deutschen Geschichte {*3}, wurde bereits
am letzten Sonntag {*4} vorgenommen, da gemäß dem Willen des Führers
der 30. Januar von allen äußeren Feiern frei bleiben soll. Um 3 Uhr
sammelten sich sämtliche Ortsvereine und die örtlichen Gliederungen
der NSDAP. {*5} und zogen in geschlossenem Zug zur Wilhelmstraße, wo
an der Biegung nach der Adolf=Hitler=Straße zu die Linde ihren Platz
erhalten hat {*6}. Nachdem der Sturmführer der Motor=SA. S t r z o d a
[Strzoda] {*7} die Einpflanzung vorgenommen hatte, richtete
Ortsgruppenleiter Pg. L a u e r [Lauer] {*8} das Wort an die Anwesenden
und warf einen kurzen Rückblick {*9} auf das vergangene 1. Jahr
nationalsozialistischer Regierungstätigkeit mit seinen gewaltigen
Marksteinen der großen erhebenden Tage. Bürgermeister R i t t g e n
[Rittgen] {*10} nahm den jungen Baum in den Schutz und die Obhut der
Gemeinde und betonte, daß er ein lebendiges Erinnerungszeichen und ein
Symbol des geeinten deutschen Vaterlandes sein solle. Mit dem Lied der
Deutschen und dem Horst=Wessel=Lied {*11} fand die kurze, aber
eindrucksvolle Feier ihren Abschluß, worauf sich der Zug wieder in den
Ort zurückbegab {*12}.    
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Textvergleich(e): 4 (4.8.2015, 22.4.2017, 11.10.2017, 25.2.2018)

   {*1} Zu diesem Zeitpunkt war Kelkheim noch eine Gemeinde für sich,
        denn die Eingemeindung von Münster und Hornau erfolgte erst am
        1.4.1938. Beachte: Die "Eingemeindung" war ein nationalsozia-
        listischer, diktatorischer Verwaltungsakt, es war eine "Ein-
        gliederung", um es in natioansozialistischer Parteiterminologie
        auszudrücken (zur nationalsozialistischen Stadtgründung siehe
        unter 1938).

   {*2} Errringung: Wortüberlagerung, "Erinnerung" mit "Erringung", so
        eine Art nationalsozialistischer "Freudscher Setzfehler".

   {*3} Zu dieser Angeberei siehe die Einleitung.

   {*4} Also am 28.1.1934.

   {*5} "Sämtliche Ortsvereine und die örtlichen Gliederungen": Ausfüh-
        rung in Arbeit

   {*6} Das ist der Platz vor der heutigen evangelischen Kirche. Zu die-
        ser Wahl ist eine Darstellung in Vorbereitung (ebenso zum Bau
        der evangelischen Kirche und zur mutmaßlichen Grundausrichtung
        der evangelischen Gemeinde in Kelkheim im Dritten Reich).
 
   {*7} Emil Strzoda, geb. 22.12.1892, Moschen, Oberschlesien (nach 1945
        Mosza, Polen). Polsterer, Meldebogen 1946: Polsterei. Wo, fragt
        man sich, weil so kaum auffindbar; des Rätsels Lösung: Strzoda
        war mit der SA-Escher-Dynastie liiert, Beginn der Zusammenar-
        beit: offenbar 1929; Escher & Co taucht spätestens 1931 in der
        Taunustraße 28 auf (1933: Adolf-Hitler-Straße), 1937 wechselt
        man in die Werkstätten der wohl aufgekauften Firma Sieglen,
        Wilhelmstraße 15, hier firmiert Strzoda separat als Hersteller
        von Tischen und Kleinmöbel, macht sich dann ein Jahr später
        selbständig, er kommt unter in der Schreinerei Heinrich Herr
        8., Hornauerstraße 31, hier ist er bis 1940 nachgewiesen unter
        "Tische und Kleinmöbel", aber auch  "Fabrikation u. Verkauf von
        Polster= und Kleinmöbel" (überprüft wurden die Adreßbücher Ffm-A
        1930 bis 1943 jeweils Kelkheim); ab Mai 1940 war Strzoda dienst-
        verpflichtet und im Auftrag des Regierungspräsidenten dem Land-
        ratsamt Frankfurt-Höchst zugeteilt, ab 1.8.1943 dort Fahrbereit-
        schaftsleiter für den Main-Taunus-Kreis, zudem für die Benzin-
        rationierung und -zuteilung zuständig, ein Job, dem ein Ritt auf
        einer Rasierklinge nicht unähnlich gewesen sein dürfte.
        Wohnhaft ist Strzoda in der Adolf-Hitler-Straße 8, nach Kriegs-
        ende ebenfalls (allerdings wegen der Umbenennung: Altkönigstraße
        8), so nach persönlichen Angaben, war aber "unterwegs", u.a. in
        Giessen, verstand sich mit Raffinesse durchzulavieren u.a. als
        Gärtner beim CIC (Counter Intelligence Corps) in Kelkheim, Gun-
        delhardstraße, und in Sachen Generatorholz-Spritproduktion bei
        der nicht minder cleveren Nachkriegsgewinnlerfirma Dichmann AG,
        Hauptstraße 15.
        Beachte: Die Häuser Adolf-Hitler-Straße (später Altkönigstraße)
        4 bis mindestens 10 oder 12 waren durch einen Luftangriff in der
        Nacht zum 3. Februar 1945 erheblich zerstört worden, ausgebombt
        davon im Anfangsbereich zumindest zwei bis auf die Grundmauern
        (Erinnerung dieses Verf., siehe auch das Foto samt Datierung in
        Kleipa 1999, S. 28; übrigens wurde das Nachkriegsanwesen Altkö-
        nig(seit 1953: Frankfurter)straße Nr. 6, Wohnhaus und Praxis des
        außerordentlich populären Dr. Adolf Brandt auf einem der Total-
        schadengrundstücke errichtet; über Brandt, der Strzodas NSKK-
        Sturm angehörte, wird hier noch zu reden sein).
        Nr. 8 war somit sicherlich schwer beschädigt, wohnte also Strzo-
        da wirklich dort? Wohnhaft später, offenbar als Untermieter, bei
        Berta und Wilhelmine Sch., Hornauerstraße 3 (Strzoda nicht in
        MTK-A 1939 und MTK-A 1952, aber nachgewiesen in MTK-A 1950: Alt-
        königstraße 8; Berta Sch. nicht in MTK-A 1939, aber angeführt in
        MTK-A 1950 und 1952).
        Strzoda war u.a. in der NSADP, leitete das NSKK (Hauptsturmfüh-
        rer), war von der amerikanischen Militärregierung mehrfach in-
        haftiert worden; seine Spruchkammerakte samt den Berufungsver-
        fahren hat einen erheblichen Umfang; Meldebögen von beiden Sch.
        liegen ebenfalls vor (ausführliche Erörtung andernorts unter
        Strzoda in Vorbereitung; Quellen: u.a. HHStAW Spruchkammerakte
        Strzoda).
        Beachte: Das Gebiet rund um die Amtsstelle der NSDAP-Ortsgruppe,
        Bahnstraße 17, und das Café Bender, Hornauerstraße 1 (eigentlich
        Bahnstraße zwischen 12 und 14), also der Straßenkomplex mit der
        Kreuzung Poststraße (heute Friedrichstraße), Adolf-Hitler-Straße
        (heute Beginn der Frankfurter Straße), Bahnstraße und der Ein-
        mündung der Hornauerstraße samt den angrenzenden Nachbarschaften
        war damals nicht nur geschäftlich das Zentrum von Kelkheim (ge-
        meint ist nicht nur von Kelkheim-Mitte), sondern ganz besonders
        auch parteipolitisch, wobei das Café Bender des Jägers, Jagd-
        pächters (Dickenet) und Pg Joseph (Perre) Bender ein wichtiger
        Zusammenkunftsplatz war. Hier innerhalb dieses Bereichs Kelk-
        heims (Mitte) spielte sich sehr viel Nationalsozialismus ab,
        aber bei weitem nicht der ganze und vom eigentlich gefährlichen
        nur ein Teil. (Zum für die Kelkheimer Sozialgeschichte wichtigen
        Platz Hornauerstraße 1, also dem Platz vor den Eingangsholztoren
        des Perre Bender, links: Hornauerstraße 1, und des Gemüse- und
        Lebensmittelladens Johann Lorsbächer, rechts: Hornauerstraße 3,
        ist eine Darstellung in Vorbereitung, auch aus eigenem Erleben
        heraus: Dort stand nämlich rechts ein großes Sandsteinkreuz mit
        einem Corpus Christi, das das Dritte Reich zwar überstand, doch
        die Christdemokratie Kelkheims nicht - an dieses Thema läßt sich
        übrigens noch so manches anfügen).

   {*8} Joseph Lauer, Postmeister, Kelkheim-Mitte, Poststraße 4 (MTK-A
        1939); Poststraße 4: Nach der Erinnerung dieses Verf. war das
        Postamt dort bis 1959 oder 1960, im Stadtplan 1961 des Stadt-
        bauamts ist es schon in der Parkstraße eingezeichnet (Gebäude
        "Poststraße 4" steht noch). Lauer hatte einen Vorgänger: Dr.
        Hans Schlichenmaier, Lorsbacher Weg (Nummer bislang unbekannt,
        Ffm-A 1931 Kelkheim, Stand: 1930, zu Lorsbacher Weg siehe
        unten). Allerdings war Schlichenmaier "nur" Stützpunktleiter
        und hatte offenbar auch nur kurz (1933 bis Anfang 1934?) diese
        Führungsfunktion inne.
        Lauer war in dieser Zeit auch 1. Gemeindeschöffe. Sein Nachfol-
        ger auf dem Ortsgruppeneleiterposten wurde 1935(?) Georg Seebold
        5. (siehe andernorts).
        Das Amt "Stützpunktleiter" scheint sich in den Aufgaben im
        Grunde nicht von der nächsthöheren Stufe "Ortsgruppenleiter"
        unterschieden zu haben. Mehr noch: Nach der bisherigen Akten-
        kenntnis war ein Stützpunktleiter offenbar wie ein Ortsgrup-
        penleiter ein Hoheitsträger (das überrascht, denn nach der
        üblichen Darstellung waren die politischen Hoheitsträger der
        NSDAP Ortsgruppenleiter, Kreisleiter, Gauleiter, Reichsleiter
        und der Führer).
        Unter der Ortsgruppenleiterebene gab es die unter Umständen noch
        recht selbstständige Funktion "Zellenleiter", so hatte z.B. das
        kleine "Einstraßendorf" Altenhain - mit Haus- statt Straßennume-
        rierung - einen solchen (MTK-A 1939: Jakob Gottschalk, Schuhma-
        chermeister, Haus-Nr. 71; Altenhain, gleiche Quelle: 473 Einwoh-
        ner, höchste Hausnummer: 76).
        Stützpunktleiter unterstanden offenbar wie die Ortsgruppenleiter
        direkt dem Kreisleiter. Zellenleiter hingegen waren einem Orts-
        gruppenleiter disziplinarisch zugeordnet, doch hatten die Zel-
        lenleiter von Dörfern oft eine größere Selbständigkeit als die
        Zellenleiter in Städten, diesen wiederum waren im Allgemeinen
        und naturgemäß mehr Blockleiter zugeordnet als in Dörfern.
        Zunächst bildeten die Blockleiter die unterste Stufe der Partei-
        hierarchie. 1937 wurde dann jedoch die Funktion "Blockhelfer"
        eingeführt. Gerade durch diese untersten "Helferdienste" der
        Blockleiter und -helfer ("Blockwarte" {*a}) - mit solchen Dien-
        sten funktionierten insbesondere auch das System der DAF (Deut-
        sche Arbeitsfront) und das der NSV (= NS-Volkswohlfahrt) - spür-
        ten Familien, erlebte jeder Einzelne den Nationalsozialismus
        nicht mehr oder weniger von ferne (durch Bekanntmachungen, auf
        Veranstaltungen, im Radio, aus der Zeitung usw.), sondern "haut-
        nah" im Alltag, wie Atmosphäre, wie Luft, tagtäglich.

        {*a} Zum bekannten Begriff "Blockwart": Dies war die Vorgänger-
             bezeichnung für "Blockleiter". Der Begriff "Blockleiter"
             wurde offenbar 1933 eingeführt, während gleichzeitig
             "Blockwart" in den Bereich der Deutschen Arbeitsfront wan-
             derte. In der Umgangssprache aber hatte sich für den Block-
             leiter der Partei "Blockwart" weit verbreitet eingebürgert
             und dieser Begriff wurde dann später auch oft auf den
             Blockhelfer übertragen, denn beide Funktionen unterschieden
             sich, was die "Bevölkerungsbetreuung" anging, im Prinzip
             nicht.
             Zum grundsätzlich bedeutsamen Status "Politischer [!] Lei-
             ter" gehörten alle diese Funktionen, auch der Blockhelfer,
             wenn er, vom Ortsgruppenleiter zunächst beauftragt, durch
             den Kreisleiter nach einem bestimmten Aufnahmeprocedere
             (arischer Stammbaumnachweis usw.) eine parteiamtliche Er-
             nennung (Bestätigung) erfuhr und somit dann eben auch zum
             erlauchten "Korps der Politischen Leiter" zählte.
             Beachte: Nach Schullze 1948 (Kommentar zum Befreiungsge-
             setz) waren Reichsleiter politische Hoheitsträger, aber
             keine Hoheitsträger im räumlichen Sinn (sehr merkwürdig,
             Verf.), das jedoch waren Zellenleiter und Blockleiter, weil
             zuständig für ein klar definiertes Gebiet, politische Ho-
             heitsträger wie z.B. die Ortsgruppenleiter waren sie des-
             wegen aber nicht; zur Einführung in die Organisation der
             NSDAP siehe Schullze 1948, u.a. S. 253 ff., für hier: 268
             ff., Tafel AV6 b zu S. 168; zu Schullze siehe andernorts).

        Poststraße: heute Friedrichstraße, offenbar in Anlehnung an
        Kaiser Wilhelm und die Wilhelmstraße wohl auf Friedrich den
        Großen oder einen anderen dieser dynastischen Friedrichs
        gemünzt; und man glaubt es kaum, doch das Ende der Wilhelm-
        straße, das Stück von der evangelischen Kirche bis zur Frank-
        furterstraße, wurde um 1960 zu Gustav-Adolf-Straße umbenannt.
        Wann genau das war, war bis jetzt nicht herauszufinden. Aber
        immerhin: Im Örtlichen Fernsprechbuch Kelkheim (Taunus) von
        1956 (Stand: 1.7.1956) und dem vom August 1957 (Stand:
        1.6.1957) hat z.B. die Bäckerei der Margarete Westenberger
        noch die traditionelle Adresse Wilhelmstraße 28 (Nummer im
        MTK-A 1939: 30, anderer Inhabername; die Wilhelmstraße erlebte
        in den 30er Jahren eine Umnumerierung - und offenbar teilweise
        zurück). 1961 ist dann im Stadtplan des Stadtbauamts schon die
        neue Bezeichnung angeführt. Also dürfte zwischen diesen Eck-
        datierungen die heroisch-orienierte Umbenennung passiert sein.
        Aber scheinbar besteht diese heute nicht mehr, wie ein Spazier-
        gang Anfang 2017 zeigte. Jedenfalls war die Erinnerung an den
        Dreißigjährigen Krieg laut Beschilderung passé, zu lesen war
        wieder: Wilhelmstraße. Demgegenüber enthalten aber kurioserweise
        die Jahrgänge des Telefonverzeichnisses "Das Örtliche" der letz-
        ten Jahre, z.B. 2015/2016 und 2016/2017, (immer noch?) die Be-
        nennung nach dem protestantischen königlichen Feldherrn.
        Somit wird zumindest ein weiterer Spaziergang nötig sein. Was
        eine Tortur ist in diesem vielfach so verkorksten angeblich
        "Neuen Kelkheim".
        Allein schon, daß das bis etwa 2014 noch existente schmucke,
        architektonisch wertvolle Häuschen nördliche Ecke Wilhelm-
        straße/Frankfurterstraße vernichtet wurde (der nachkriegs-
        zeitlichen Erinnerung nach damals versehen mit Vorgarten und
        schmiedeeisernem Zaun). Es war im Übrigen zwischenzeitlich schon
        seit langem durch das (einstige) Electronic-Geschäft des Willi
        Born zu Ausstellungsräumen in umgebauter und verschandelter Form
        genutzt worden. Und nun, 2016, wurde dort im Sinne des "Neuen
        Kelkheims" ein riesiger Neubau-Klotz erstellt, wie auf dem Bau-
        schild zu lesen war, gedacht u.a. als Wohnsitz für alte Leute.
        An der lautesten Binnenstraße der Stadt wird so das Geld aus
        der Tasche gezogen, allerdings sind es offenbar Taschen sehr
        betuchter Besitzer(innen), angelockt durch fadenscheinige
        Werbung: Altersruhesitze der kurzen Wege.
        Zur Einweihung, zu der der Bürgermeister Albrecht Kündiger es
        sich nicht nehmen ließ, persönlich zu erscheinen, veröffent-
        lichten die Taunus-Nachrichten am 22.7.2015 unter dem Titel,
        "Eine Stadt ändert sich [-] Die Aufwertung der Frankfurter
        Straße" einen Bericht, der unfreiwillige Komik enthält: Hier
        lautet die Bezeichnung des kurzen Straßenstücks der Wilhelm-
        straße "Adolfstraße". Friedrich - Wilhelm - Adolf. Wie sinnig.
        Vielleicht hat das "Zwei-Säulenhaus", Friedrichstraße 6, bei
        dem Berichterstatter unterschwellig eine Eingebung bewirkt.
        Vor langer Zeit (bis Mitte der 1920er Jahre) hatte übrigens die
        Villa, damals Poststraße 6, sogar vier majestätische Kaisersäu-
        len (Foto in Kleipa 1999, S. 8).
        Und ab spätestens 1946 war die Villa zum Wohnsitz des einstigen
        Nationalsozialisten und Pg. Dr. med. Ludwig Loos geworden. Dort
        in der Poststraße 6 betrieb Loos dann auch ab Herbst 1947 für
        etwa zwei Jahrzehnte seine Arztpraxis, in die dieser Verf. in
        der Nachkriegszeit nichtsahnend zur Behandlung ging und wo er
        im Hof mit Klassenkameraden und Freunden friedlich Tischtennis
        spielte (über die Wilhelmstraße usw. wird es noch so Einiges zu
        berichten geben). Anmerkung zu Loos: Er zog 1939 in Kelkheim zu,
        in die Villa Gundelhardstraße 9, übernahm Anfang Januar dieses
        Jahres eine Arztpraxis, Poststraße 1, seit Kriegsbeginn in der
        Wehrmacht, Ober- und Stabsarzt (Praxisadresse in der Poststraße
        1 bleibt in Adreßbüchern überraschenderweise bestehen), nach
        Gefangenschaft 1945 kurze Praxistätigkeit, Lizenzentzug gemäß
        Gesetz Nr. 8 durch die örtliche amerikanische Militärregierung
        in Hofheim, Beginn der eigentlichen Arzttätigkeit in Kelkheim
        im Herbst 1947 (zum  einstigen Arzt der Praxis, Poststraße 1 und
        zu Loos Ausführungen in Vorbereitung, Quellen u.a. HHStAW
        Spruchkammerakte Loos).
        Das Haus eine Nummer vor Frankfurter Straße 26 (zuvor Taunus-
        straße, Adolf-Hitler-Straße, Altkönigstraße) wird hier übrigens
        neben anderen Straßennummern auch noch eine Rolle spielen, wenn
        nämlich dem einflußreichsten Kelkheimer Nationalsozialisten - er
        agierte großdeutschlandweit - peinlichst genau auf die Finger
        geguckt wird (so weit das jedenfalls machbar ist).

   {*9} Ein Verhaspeln vor lauter hymnischer Blasiertheit, Ergebnis:
        falsches Deutsch.

  {*10} Jakob Rittgen, geb. 1.3.1891, Wellmich am Rhein: Offenbar schon
        früh begeisterter Nationalsozialist (Pg. spätestens seit dem
        1.5.1933, ob früher, ist noch zu prüfen), vom 1.1.1925 bis zum
        30.6.1937 Bürgermeister (Heirat 1925, ursprünglich anscheinend
        katholisch orientiert, nach einer Quelle einst Mitglied der SPD,
        nach dem nach 1945 ersten (gewählten) Bürgermeister Willi
        Stephan, CDU: 1925 gewählt von der Zentrumspartei; Stephan ist
        allerdings wegen seiner NS-Verstrickung eine erheblich über-
        prüfungsbedürftige Quelle); Bezeichnung in gedruckten Quellen
        durchweg als Bürgermeister von Kelkheim (beachte hierbei: ge-
        meint ist Kelkheim noch vor der Eingliederung der Gemeinden
        Münster und Hornau), doch seit der NS-Gemeindereform von 1934
        bis zum Weggang war der amtliche Begriff eigentlich Gemeinde-
        schulze (siehe unten unter Claas); wohnhaft: Lorsbacher Weg
        (so u.a. in Ffm-A 1930 und 1931 jeweils Kelkheim, Stand: 1929
        bzw. 1930, Straßennummer bislang unbekannt).
        (Zu Lorsbacher Weg: nach der Stadtgründung am 1.4.1938 ab Juni
        Gundelhardstraße genannt, vielfach auch die Angabe Gundelhardt-
        straße, aber richtig ist im Grunde "Gundelhardstraße" ohne das
        Nazi-Verstärkungs-"t", im Volksmund damals und in der Nach-
        kriegszeit "Dogderbersch"; diese Popularnamenstaufe stammt zwar
        aus der Zeit lange vor 1933, fand aber ihre Bekräftigung durch
        die Anrainersituation während des Dritten Reichs, andernorts
        mehr dazu.)
        Rittgen war ab dem 1.1.1937 mit starker Befürwortung des NSDAP-
        Kreisleiters Fritz Fuchs nach gängigem Usus für weitere zwölf
        Jahre eingesetzt (!) worden, folgte aber alsbald einem Ruf ins
        Bürgermeisteramt des parteilichen Kreiszentrums des National-
        sozialismus Bad Soden (ab Oktober 1937 parteipolitische Neuord-
        nung, das heißt, Zusammenlegung des Maintaunuskreises und des
        Obertaunuskreises zum Maintaunus-Obertaunuskreis der NSDAP,
        Sitz der wesentlichen Ämter: Bad Soden, anderes in Oberursel,
        verwaltungsmäßig blieben die beiden Kreise aber - mehr oder
        minder dem Schein nach - selbständig).
        Rittgen begann in Bad Soden am 1.7.1937, war aber nur bis 1939
        im Amt; er wurde am 26.6.1939 beurlaubt, da er offenbar in der
        oder am Folgetag nach der sogenannten Reichkristallnacht (9./10.
        11.1938) in Ausschreitungsvorgänge gegen Juden verwickelt gewe-
        sen war, offenbar Eigentumsaneignungen "kleinerer" Art (Zigar-
        ren), Verletzung der Dienstaufsichtspflicht; es wurde ein Par-
        teiverfahren gegen etliche Personen eingeleitet, Rittgen und der
        Ortsgruppenleiter Hans Faubel erhielten eine Verwarnung. Ein
        Dienststrafverfahren wurde gegen Rittgen nicht angestrengt (sein
        Nachfolger wurde der Pg Karl Bohle, Amtszeit: 1939 bis 1945,
        lange Zeit kommissarisch, ab 10.3.1944 hauptamtlich, nach dem
        Krieg 1945 inhaftiert). Rittgen hatte in Bad Soden seit dem
        3.1.1938 auch das Amt des Ortsgerichtsvorstehers inne. 
        Rittgen wurde dann in den Gau Wartheland (auch Warthegau) ver-
        setzt, vor der Besetzung polnisches Gebiet. Sein Auftrag war,
        die Tätigkeit "Bürgermeister" (eigentlich Stadtkommissar) in
        Schildberg (Ostrzeszów) bei Posen auszuüben; dies tat er von
        spätestens dem 19.1.1940 an bis zum 4.2.1944, von 1941 bis 1943
        war er dort auch Ortsgruppenleiter (beachte: neben dem SS-Bür-
        germeister Willi Graf und dem NSDAP-Ortsgruppenleiter Leo Claas
        ist Rittgen also die dritte Kelkheimer NS-Führungsfigur in die-
        sen mehr als berüchtigten deutschen Ostgebieten, zu denen z.B.
        die Reichsgaue Wartheland, Danzig-Westpreußen und das sogenann-
        te Generalgouvernement Polen zählten).
        Von Februar 1944 (offenbar schon 1943 berufen) bis Kriegsende
        war Rittgen Bürgermeister in Neu-Isenberg, hier sogar vom Gau-
        leiter und Reichsstatthalter Jakob Sprenger eingesetzt (Neu-
        Isenburg dürfte im Krieg durch seine günstige, gleichzeitig sehr
        abgelegene, also vorteilhafte - an Frankfurt vorbei! - Bahnan-
        bindung zu einem wichtigen Waren- und Militärumschlagplatz für
        das zunehmend bombardierte, stark bedrohte Frankfurt geworden
        sein).
        Rittgen "übergab" die Stadt der einrückenden amerikanischen Ar-
        mee im März 1945, wurde inhaftiert und kam ins "Brutallager"
        Ludwigsburg, wo er am 14.9.1945 starb (nicht 14.9.1944, wie von
        seiner Frau im posthum verfaßten Meldebogen des Befreiungsgeset-
        zes vom 5.3.1946 eingetragen).        
        Rittgen ist vor allem im Zusammenhang mit Bad Soden und Neu-
        Isenburg auf Web-Seiten angeführt, allerdings ist die Qualität
        der Daten durchweg dürftig bis falsch (Quellen: u.a HHStAW,
        Darstellung zum Nazi-"Lieblingsbürgermeister" Rittgen in Kelk-
        heim in Vorbereitung).
        NB zur Gundelhard(t)straße: Gleich nach dem "Anschluß" Öster-
        reichs (März 1938) gab es auf dem "Doktorberg" auch einen ent-
        sprechenden einschlägigen Straßennamen: Ostmarkstraße (heute Am
        Berg, eine Straße über Unter den Nußbäumen). Allerdings standen
        da damals und noch etliche Jahre nach dem Krieg nur ein paar
        Häuser. Es war eher ein Weg als eine Straße, der Fußweg war
        lange Zeit nur gerade so mit Schlacken angedeutetet. Aber "Ost-
        markweg", das macht halt wenig her, somit also "Straße". Zudem
        war sie eine Stichstraße (ein "Stichweg"), vor Äckern und Obst-
        anbaufeldern endend. 1939 hatte keines der Häuser eine Nummer
        (MTK-A 1939), aber spätestens 1950 gab es fünf Nummern (MTK-A
        1950) und zwar nur die ungeraden Nummern von 1 bis 9, daß heißt
        also: fünf Anwesen, links beginnend mit 1, linkes Eckhaus (ein
        kleines Häuschen, etwa einen Meter tiefer als die Gundelhard(t)-
        straße: Adam Walz, Bildhauer, und rechts endend mit 9, rechtes
        Eckhaus (Villa): Ernst Willas, Bankangestellter (diese Namen
        werden hier sicherlich irgendwann anderswo erneut auftauchen).
        "Schlageterplatz" (vor und nach dem Dritten Reich "Kirchplatz")
        in Münster ist ein weiteres Bezeichnungsunikum der Kelkheimer
        Nationalsozialisten (beachte: eigentlich muß die örtliche Zuord-
        nung der Benennungs- bzw. Umbenennungszeit gemäß wie folgt lau-
        ten: "der Münsterer Nationalsozialisten", siehe andernorts).

  {*11}

  {*12) Bei Gelegenheit sollen das pathetische "Zogen-in-geschlossenem-
        Zug" und das nicht minder hoheitlich aufgeplusterte "Sich-zu-
        rückbegeben" mit einem detaillierenden Beschreibungsversuch
        plastisch gemacht werden.


             =====================================


HK, Dienstag, 30. Januar 1934, S. 7, Rubrik: Aus dem Main=Taunus=Kreis

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Kelkheim.

   Die freiwillige Feuerwehr veranstaltete am Samstag abend {*1}
ihr 37. Stiftungsfest {*2}. Im Mittelpunkt des recht unterhaltenden
Programms stand die Ansprache des Bürgermeisters Rittgen {*3}, der der
Wehr den Dank der Gemeinde für die stets bewiesene Hilfsbereitschaft
aussprach. Gemäß dem Grundsatz "Einer für alle, alle für einen", der
sich mit dem nationalsozialistischen "Gemeinnutz geht vor Eigennutz"
deckt {*4}, sei es für die {*5} Feuerwehren nicht schwer gefallen, sich
im Vorjahr in die nationale Front einzureihen. Der Redner ließ dann
nochmals die großen Ereignisse des vergangenen Jahres vorüberziehen
und schloß mit Heilrufen auf Führer und Volk. Vier Wehrmännern konnte
für langjährige opferfreudige Tätigkeit in der Feuerwehr das neue
silberne Verdienstabzeichen mit Urkunde des Preuß. [Preußischen]
Ministerpräsidenten Göring überreicht werden und zwar Vinzenz Maier,
Josef Morshäuser, Erasmus Herr und Theodor Beer. Ein 5. Abzeichen war
für den kürzlich tödlich verunglückten Wehrmann Karl Morshäuser
eingetroffen, der nun die ihm gebührende Auszeichnung nicht mehr in
Empfang nehmen konnte {*6}.
   Die Ortsbauernschaft hatte in Gemeinschaft mit der
SA=Reiterschar {*7} am Sonntag abend zu einem Familienabend eingeladen,
der sehr stark besucht war, so daß der Ortsbauernführer Seeboldt
[Seebold] {*8} mit großer Genugtuung die Kelkheimer Einwohnerschaft, in
der ja bekanntlich das Handwerk vorherrschend ist, bei dieser
Veranstaltung des Nährstandes {*9} begrüßen konnte. Auch Bürgermeister
Rittgen und Ortsgrupppenleiter der NSDAP. Pg. Lauer {*10} richteten das
Wort an die Anwesenden. Das Programm bot eine reiche Fülle von
Bühnenaufführungen, Reigen, Vorträgen usw. mit vorwiegend
ländlich=heiterem Charakter, so daß die Besucher einen recht
unterhaltenden Abend verlebten. Den musikalischen Rahmen bot die
Musikkapelle Kelkheim unter der gewandten Leitung ihres Kapellmeisters
Schick {*11}. Die schön verlaufene Veranstaltung dürfte allen
Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben.
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Textvergleich(e): 1 (4.8.2015)

   {*1} Also 27.1.1934

   {*2} Gründung laut Homepage der Freiwilligen Feuerwehr Kelkheim:
        Januar 1897 (eingesehen 29.4.2017). 

   {*3} Zu Rittgen siehe oben

   {*4} In der Nachkriegszeit waren Anton Löw und sein Sohn Theo (Theo-
        dor) in der Feuerwehr Kelkheim (Mitte) zwei unersetzliche Per-
        sonen, sie warteten zum Beispiel die Löschfahrzeuge; in der
        direkten Nachkriegszeit waren das eigentlich nur zwei, das eine
        davon war der große Lösch-LKW, der offensichtlich im Dritten
        Reich angeschafft worden war.
        Zu den beiden im Bericht zitierten Aussprüchen: Im Dritten Reich
        begegnete man ihnen ständig.
        Auf Theodor Löws Grab (Hauptfriedhof) steht auf einer Plakette
        NICHT der Satz "Einer für alle, alle für einen". Beachte: Hier
        ist diesem Verf. in der ursprünglichen Textversion bedauerli-
        cherweise ein erheblicher Fehler unterlaufen, die Plakette auf
        dem Grab der Eheleute Irma und Theo Löw trägt den im Kreis ge-
        prägten Leitsatz (Berichtigung 17.11.2017):

                           · GOTT ZUR EHR ·
                        DEM NÄCHSTEN ZUR WEHR

        (Bei Gelegenheit folgt eine Darstellung zur Familie Löw, zu-
        nächst Mühlstraße 2 (Wohnung und Werkstatt in der Abstellkam-
        mer), dann Bahnstraße 7 (Fahrradgeschäft), später Neubau Frank-
        furterstraße Ecke Töpferstraße (Wohnung und Geschäft), ein Wohn-
        bezirk, der in seiner Gänze nicht mehr existiert.
        Die Löws spielten im Leben dieses Verf. während der direkten
        Nachkriegszeit und Anfang der 1950er Jahre eine sehr wichtige
        Rolle, Stichworte: Unterkunft und Fahrradgeschäft.
        Daß die alte Unterstadt Kelkheims dem Erdboden gleich gemacht
        wurde, erzwingt eine Darstellung, allerdings an anderer Stelle,
        und hierbei geht es ganz besonders um grundsätzliche Themen.
        Nicht zu erwarten ist dabei, daß den Verantwortlichen reich-
        lich Lob zuteil wird.)

   {*5} "die": Damit meint Rittgen natürlich alle Feuerwehren. Und 
        "nationale Front" geht schon in Richtung Deutsche Arbeits-
        front" (DAF), obwohl diese erst neun Monate alt ist und die
        Eingliederung der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Orga-
        nisation (NSBO) noch gar nicht richtig in Gang gesetzt worden
        war. Rittgen ist offensichtlich auf der Höhe der Nazi-Entwick-
        lung.
        Die NSBO war gerade für Kelkheim wichtig; eine ausführliche
        Diskussion wird sich mit diesem Thema beschäftigen, denn einer
        der massiven Fehler bei der Entwicklung und Ausgestaltung des
        Entnazifizierungs- und Entmilitarisierungsgesetzes vom 5. März
        1946 war die Unterschätzung bzw. Außerachtlassung der NSBO.

   {*6} Theodor Beer, Schreiner, Adolf-Hitler-Straße 25 (direkte Nach-
        kiegszeit: Altkönigstraße, ab Mitte 1953 Frankfurterstraße);
        Erasmus Herr, Schneider, Rossertstraße 12 (heute Weberstraße),
        (nicht zu verwechseln mit Maria Planz, Rossertstraße 9, Herren-
        Modeartikel, Trikotagen, Kurzwaren, "Verkauf Parteiamtlicher
        Artikel", so in einer Annonce von 1939; Heinrich Planz, Maschi-
        nenarbeiter, war wohl der Mann da im Haus); Vinzenz Maier, Mö-
        belfabrikant, Frankfurterstraße 7 (Adresse hat nichts mit der
        heutigen Frankfurterstraße zu tun, eine Straßenkarte für die
        Zeit vor 1938, ab Juni 1938 und für die Nachkriegszeit usw. ist
        in Planung, zu Straßennamenänderungen nach dem 1.4.1938 siehe
        auch unter 1938); zu Josef Morshäuser keine Angaben gefunden;
        Karl Morshäuser, Hilfsarbeiter, Adolf-Hitler-Straße [o. Nr.]
        (außer Josef Morshäuser alle in MTK-A 1939, eigenartigerweise
        auch der verstorbene Karl Morshäuser [!?])

   {*7} Eine Einschätzung dieses Berichtes und ähnlicher dieser Art
        wird im Zusammenhang mit Peter Neun angegangen, Betriebsleiter
        und Prokurist der Firma Dichmann AG. Zur im Dritten Reich 
        nationalsozialistisch ausgerichteten Firma Dichmann ist eben-
        falls eine ausführliche Darstellung in Arbeit.

   {*7} Zum SA-Reitplatz siehe andernorts (in Vorbereitung).

   {*8} Georg Seebold 5., geb. 13.11.1891 in Kelkheim/Taunus, Landwirt,
        Schreinermeister, Bahnstraße 17 (u.a. im MTK-A 1939, beachte:
        damals, etwa Mitte der 1930er Jahre, erfuhr offenbar die linke
        Seite der Bahnstraße von 7 bis 15, ja vermutlich sogar bis 17,
        dubiose Numerierungswechsel, eine Aufstellung ist in Vorberei-
        tung).
        Seebold wurde 1934 oder 1935 NSDAP-Ortsgruppenleiter, Nachfolger
        des Joseph Lauer (siehe oben), zwei Angaben zum Beginn seines
        OGL-Amts von Seebold selbst: 1934 UND 1935 (Diskussion andern-
        orts); vor Lauer gab es nur einen Stützpunktleiter (zu den Nazi-
        Anfängen in Kelkheim-Mitte siehe andernorts). Seebold war eine
        der zentralen Personen des Nationalsozialismus in Kelkheim,
        Inhaber zahlreicher (NS-)Ämter, z.B. Ortsbauernführer ab
        1.5.1933 (also schon vor dem Amt Ortsgruppenleiter, Vorgänger
        war Anton Klarmann 2., Hauptstraße 14, das ist ein Haus vor dem
        Gasthaus zum Löwen: "Löwe Schorsch", später in den 1950er Jahren
        "Löwe Minna"), NSDAP-Schulungsleiter ab 1.5.1934, Ortsgerichts-
        vorsteher ab 16.5.1939 (Vorgänger: Klarmann, siehe oben). Nach
        eigener Aussage (vorgeblich) zunächst "stellvertretender" Orts-
        gruppenleiter (so im "Meldebogen" gemäß Befreiungsgesetz am
        22.10.1946), Angabe im "großen" (= 6seitigen) "Fragebogen" der
        Military Government von 1945 (ausgefüllt am 6.12.1946): "Orts-
        gruppenleiter". So auch die Angabe in offiziellen und üblichen
        Quellen (Adreßbücher, Zeitungsberichte, amtliches Schriftgut
        usw.). Auch 1. Beigeordneter, stellvertretender Bürgermeister,
        leitete die Gemeinde bzw. die Stadt Kelkheim zunächst vom Sommer
        1937 bis zur Einsetzung des SS-Bürgermeisters Willi Graf im
        August 1938. Er ist führend verantwortlich für die Planung des
        - im lokalen Bereich politisch und wirtschaftlich ehrgeizigen
        und monumentalen - NS-Projekts "Stadthalle", leitete gemeinde-
        seits (bzw. vom Ergebnis her gesehen: städtischerseits) die ge-
        samte Entwicklung des NS-Zusammenschlusses der Gemeinden Hornau,
        Kelkheim und Münster zur Stadt Kelkheim ("Eingliederung zu einem
        Ganzen") - das ist die NS-Erhebung Kelkheims zur Stadt - und
        führte 1937/1938 die Bürgermeisterwahl auf Geheiß und unter Auf-
        sicht der maßgeblichen Amtsstellen (Landrat, Regierungspräsi-
        dent, NSDAP-Kreisleiter) von der Planung, Ausschreibung bis zum
        Abschluß durch (die Ausschreibung lief deutschlandweit, Darstel-
        lung von Listen und anderem Material in Vorbereitung).
        Seebold war zudem von Januar 1940 an erneut der erste Mann im
        Rathaus, er vertrat den in der "Aufbauarbeit im Osten" sein
        (Sieg) Heil suchenden SS-Bürgermeister Graf (dieser starb im
        Juni 1944 in Frankreich, siehe unten), bot sich nach dem Tod
        Grafs als nachfolgender Bürgermeister an, wobei seine Bewerbung
        (in Form der NS-üblichen Einsetzung) sicherlich positiv beschie-
        den worden wäre; leitete jedenfalls die Stadt bis zur Besetzung
        durch die US-Armee.
        Von den rund 12 Jahren der "aktiven" NS-Zeit war der Ortsgrup-
        penleiter Seebold somit während gut der Hälfte davon NS-Chef im
        Kelkheimer Rathaus. 1945 war er von der amerikanischen Militiär-
        regierung inhaftiert worden, Lager: zunächst Ludwigsburg, dann
        Darmstadt, Rheinstraße. Sein "Entnazifizierungsprozeß" fand
        nicht vor der eigentlich zuständigen Spruchkammer Main-Taunus
        Hochheim statt, sondern (wie bei seinen Nazi-Kumpanen Claas und
        Mehler) vor der Spruchkammer Darmstadt-Lager; als Zeuge auf der
        Seebold-Seite hatte sich u.a. der frisch gebackene Kelkheimer
        Bürgermeister Willi Stephan (CDU) auf den damals sehr weiten Weg
        gemacht (Quellen: u.a. HHStAW Spruchkammerakten, Darstellung zu
        Seebold und Graf in Arbeit, zu Graf siehe auch unten).
        
   {*9} Unter "Nährstand" wird alles verstanden, was mit der Landwirt-
        schaft zusammenhängt. Die Bauernschaft war in Deutschland nahezu
        flächendeckend nationalsozialistisch ausgerichtet, und so natür-
        lich auch in Kelkheim.
    
  {*10} Zu Lauer siehe oben.

  {*11} Jean Schick, Leiter des Musikvereins zumindest 1934. Der Musik-
        verein übte in Kelkheim und in der näheren Umgebung eine sozial
        bindende Funktion aus. Er trat mit leichterer und schwieriger
        Musik bei Veranstaltungen unterschiedlicher Art auf, z.B. unter-
        stützte er auch den katholischen Kirchenchor des Klosters. Lei-
        ter des Chors war (zumindest 1934) Brundo Semrau (HK, 21.4.1934,
        S. 10, Annonce; Näheres zu Semrau siehe weiter unten).
        Ein Wohnsitznachweis zu Jean Schick ist noch nicht aufgetaucht.
        Falls er zur Kelkheimer Schickfamiliengruppe gehörte, gäbe es
        hierbei nur zwei Möglichkeiten: Die Familie des Nationalsozia-
        listen Adam Schick 2., Dentist, Feldbergstraße 1 (Vater des Dr.
        Willi Schick, Zahnarzt, Praxis ab etwa 1949 ebenda) oder der
        Familienkreis des Wilhelm Schick, Postschaffner, später Post-
        sekretär, Mühlstraße 19. Vater des Wilhelm Schick war offenbar
        Adam Schick 1., Schreiner, ebenfalls Mühlstraße 19, somit waren
        wohl Wilhelm Schick und der Dentist Brüder.
        "Mühlstraße 19" war ein Haus am Liederbach, vor der Mühle des
        Philipp Finger 1., Landwirt, Mühlstraße 21; bachaufwärts gese-
        hen, lag die Mühle rechts des Liederbachs, "Mühlstraße 19" hin-
        gegen links, "jenseits" des Bachs, gleich hinter der Brücke
        (alle hier angeführten Adressenangaben nach: Ffm-A 1930 Kelk-
        heim, MTK-A 1939) {*a}.
        Beachte: Hier in diesem Bereich Ende der Mühlstraße, Kieskaut
        (auch "Kisskaut", Volksmundbezeichnung für den "Liederbachteil"
        der damals noch bis zu Hornauerstraße reichenden Rossertstraße),
        Finger-Mühle und deren Lieder- und Mühlbachinsel hat es in den
        letzten Jahrzehnten schlimme bauliche und landschaftliche Ver-
        formungen gegeben, die eine kritische Beurteilung geradezu her-
        ausfordern und das soll bei Gelegenheit andernorts auch angegan-
        gen werden; der Hauptgrund für diese Deformationen ist offenkun-
        dig ein Mangel an Kenntnis der geographischen Gegebenheiten, ein
        Verkennen der Möglichkeiten ist auch dabei, auch mangelte es
        scheinbar einerseits an persönlicher Anschauung aus dem Erleben
        heraus und andererseits an grundlegend nachhaltigen, in die Zu-
        kunft weisenden, existentiell so dringend notwendigen Lebensvor-
        stellungen (Stichwort: Daseinsphilosophie). Hoffentlich findet
        der mißlichen Angelegenheit zum Trotz wenigstens das oberhalb
        von allem am Kirchweg aufgestellte, so ÜBERAUS geschmackvolle
        Ablaßschild Gehör (bewundert Anfang April 2017).
        
        {*a} Siehe Kleipa 1999, das Foto auf dem Deckblatt, Blick von
             der Finger-Mühle aus bachabwärts auf "Mühlstraße 19". Da-
             tierung des Fotos laut Begleittext (S. [2]): um 1920.
             Direkt nach dem Krieg im Wesentlichen der gleiche Zustand
             (das machen auch Fotos von der 1949er Erstkommunionprozes-
             sion deutlich, im Besitz dieses Verf.).

             =====================================

HK, Samstag, 21. April 1934, S. 6

→ »»
       Hitler=Geburtstagsfeiern in den Kreisgemeinden.

         [I] Pflanzung einer Adolf=Hitler-Linde in Münster.

   Unter der Leitung des Gemeindeschulzen [Claas] und des
Ortsgruppenleiters [Naumann, zu beiden siehe unten] feierte die 
ganze Gemeinde durch die Teilnahme sämtlicher Organisationen und
Vereine den 20. April, den Geburtstag des Volkskanzlers Adolf Hitler.
Gegen 8 Uhr wurde geschlossen {*1} von der Wirtschaft Peter Gasser {*2}
abmarschiert. Voran das Jungvolk, nachfolgend sämtliche Fahnen der
Ortsvereine, das Trommlerkorps der Turngemeine, eine SA=Kapelle, die
SA, die politischen und weltlichen Vereine. Auf dem freien Platz Ecke
Kelkheimer und Lorsbacher Straße wurde eine Linde geflanzt {*3}.
Während die Kapelle einen Choral {*4} spielte, nahm ein SA=Mann unter
Beihilfe von 2 Jungvolkpimpfen die Pflanzung der Linde vor. Im Beisein
von Kreisleiter F u ch s [Fuchs] {*5} wies Ortsgruppenleiter
N a u m a n n [Naumann] {*6} in seiner kernigen deutschen und sehr
deutlichen Rede {*7} auf die großen Verdienste unseres Volkskanzlers
hin und vermachte diesem zum 45. Geburtstag als Geschenk der Gemeinde
Münster {*8} diese junge Linde, die er Adolf Hitler=Linde taufte
und dem Gemeindeschulzen zum Schutz übergab. Gemeindeschulze
C l a a s [Claas] {*9} versprach im Namen der Gemeinde für das
Wohlergehen der Linde besorgt zu sein. Unter Begleitung der
SA=Kapelle wurde durch Absingen der nationalen Hymnen {*10} diese
denkwüdige Feier beendet.
«« ←

Textvergleich(e): 2 (11.8.2015, 4.5.2017)

   {*1}

   {*2}

   {*3}

   {*4}

   {*5} Fritz Fuchs, Bad Soden, Niederhofheimer Straße 4, Ortsgruppen-
        leiter, Kreisleiter (Di-Verz-NSDAP-GHN 1934); ab 1.10.1937
        Kreisleiter in Mainz; Nachfolger: Karl Scheyer (HK, 25.9.1937,
        S. 6).        

   {*6} Max Naumann, Ortsgruppenleiter, Taunusstraße 11 (Di-Verz-NSDAP-
        GHN 1934; MTK-A 1939: Taunusstraße 9, Pensionär)

   {*7}

   {*8}  

   {*9} Leonhard (Leo) Claas, geb. 6.11.1905, Lobberich, Kreis Krefeld,
        (Stadtober-)Inspektor, (Regierungs-?, Stadt-)Amtmann, Frankfur-
        terstraße 53 (MTK-A 1939, nach dem Krieg auch: 51) (Darstellung
        zur sozialen- und wirtschaftlichen Bebauungs- und Wohnlage
        zwischen Münster und Kelkheim siehe andernorts), ab 1.7.1939
        wohnhaft mit Familie: Westerburg/Westerwald, Gemündener Tor 3);
        1937 Nachfolger von Naumann (siehe oben) als Ortsgruppenleiter,
        danach Ortsgruppenleiter ab Juli 1939: Christian Kunz, Klavier-
        techniker und -stimmer, Frankfurterstraße 126 (MTK-A 1939), des-
        sen Nachfolger bzw. kommissarischer Vertreter seit vermutlich
        1943, Februar 1944 nachgewiesen: Kilp, so die Abzeichnung einer
        beglaubigten Abschrift eines amtlichen Schreibens: "Heil Hit-
        ler ! [/] gez. Kilp [/] Ortsgruppenleiter [/] m.d.W.d.G.b." (=
        mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt), höchstwahrschein-
        lich Johann Kilp 9., Landwirt, Frankfurterstraße 141 (MTK-A
        1939), laut Landratsamtskarteikarte für Münster, Stand 1937/An-
        fang 1938: Pg, Gemeinderat.
        Zu Claas: Nach der von der Gestapo im Februar 1939 verfügten
        Schließung des Klosters, wobei alle Mönche und Brüder verhaftet
        wurden (15.2.), setzte Landrat Janke, offensichtlich auf Weisung
        des Wiesbadener Regierungspräsidenten, des Erz-Nazis Friedrich
        (Fritz) Pfeffer von Salomon (im Dritten Reich: von Pfeffer), den
        seit Stadtgründung in der Kelkheimer Stadtverwaltung als Inspek-
        tor angestellten "tüchtigen" (Janke) Claas als Finanz- und Ver-
        mögensverwalter des Klosters ein. Auch nach dem Krieg war Claas
        nach kurzer Zeit wieder bei der Stadt tätig (auf einem festen
        Posten seit spätestens 1954), er wurde dort u.a. Stadtoberin-
        spektor, Stadtamtmann. 
        Nach der Stadtgründung Kelkheims am 1.4.1938 übte Claas neben
        seiner Anstellung bei der Stadt in Münster weiter die Funktion
        des NSDAP-Ortsgruppenleiters aus, ab dem 1.7.1939 wurde er in
        Westerburg als Bürgermeister eingesetzt. September 1940: Ein-
        berufung zur Wehrmacht (Frankreich, Luftwaffe, Baubataillon).
        Aufgrund einer Verfügung vom 29.7.1941 des NS-Reichsministers
        des Innern (Frick) wurde er ab Mitte August Stadtkommissar von
        Cholm, Generalgouvernement Polen (Distrikt Lublin, Cholm auch
        Chelm, Grenzstadt, Grenzpolizeistelle, Außenstelle des KdS Lub-
        lin, KdS = Kommando/Kommandeur der Sicherheitspolizei und des
        Sicherheitsdienstes, Kommandeur zur Amtszeit Claas': Johannes
        Müller; beachte: dieses Cholm nicht verwechseln mit dem russi-
        schen Cholm im Gebiet Nowgorod, südlich von Sankt Petersburg,
        damals Leningrad, Stichwort: Schlacht um Cholm/"Kessel von
        Cholm", Anfang/Frühjahr 1942).
        Unter den sehr umfangreichen Akten zum Lublin-Prozeßkomplex (199
        Ordner) befindet sich auch eine längere Vernehmung {*a} Claas'
        von 1961 (5 1/2 DIN A4-Seiten) mit einer für das wahrscheinlich
        gesamte Ermittlungsprozedere typischen Aussage solcher dort auf
        "anscheinend" nichtpolizeilichen Stellen eingesetzten Leute: Wir
        waren nur eng begrenzt für dies und das zuständig, wir waren
        Staatsverwaltungsbeamte, tätig nur in unteren Dienststellungen,
        abhängige Weisungsempfänger, wir hatten zudem mit Aktionen (De-
        portationen, Aus- und Umsiedlungsmaßnahmen, "Entjudungsvorgän-
        gen" im Zusammenhang mit der "Endlösung", Unterwerfungsmaßnah-
        men gegen Slawen, Massenerschießungen von Juden und russischen
        Kriegsgefangenen, Gaslastwageneinsätzen, Massenverbrennungen auf
        Scheiterhaufen, Aushebungen von Massengräbern usw.) der Polizei-
        kräfte, SS, Gestapo und der motorisierten Feldgendarmerie nicht
        das Geringste zu tun.

        {*a} Im früheren Textstadium hieß es hier "Zeugenvernehmung".
             Das ist falsch, denn das Protokoll ist mit "Vernehmung"
             überschrieben.
             Wie der Oberstaatsanwalt Wiesbaden auf Claas kam, ist der-
             zeit nicht bekannt. Die Vernehmung führte der Gerichts-
             assessor Ferdinand Sommerlad (1926-2003, später Oberstaats-
             anwalt), er war allein, eine Justizangestellte protokol-
             lierte. Der ungefähr 35jährige Assessor war diesem im Drit-
             ten Reich hochkarätigen NS-Verwaltungsbeamten in keiner
             Weise gewachsen. Die Vernehmung ist ungeschickt geführt
             worden, Sommerlad hätte aufmerksamer sein und übrigens die
             ganze Vernehmung anders anpacken müssen. 
             Nach Meinung dieses Verf. wären aufgrund dieser Vernehmung
             dennoch Ermittlungen angebracht gewesen. Auch wäre zweck-
             dienlich gewesen, wenn, wie bei anderen Vernehmungen des
             öfteren geschehen, ein zweiter, erfahrener Kriminalbeamter
             teilgenommen hätte (Kreuzverhör). Weiteres zur Sache ist
             derzeit noch nicht bekannt.
             Claas hat im Übrigen (nach dem Protokoll zu urteilen) in
             seiner biographischen Einleitung seine Kelkheimer Ortsgrup-
             penleiter Etappe verschwiegen. Zu haarsträubenden und nach
             Meinung dieses Verf. verräterischen Formulierungen bei Ge-
             legenheit Einzelheiten.
             Beobachtung am Rande: Claas füllte (1961!) "selbst" (bei
             "gelesen, genehmigt und unterschrieben") in deutscher
             Schrift aus, obwohl er in der Nachkriegszeit (Spruchkammer-
             prozeßakten usw.) die lateinische Schrift offenbar durch-
             gängig verwendete. Ähnliche seltsam "antiquierende", unauf-
             fällig-auffällige, wie Trotz anmutende Symbolerscheinungen
             sind auch auf einer nach dem Krieg erstellten NSKK-Unter-
             schriftenliste überliefert (siehe andernorts). Claas war
             NSKK-Mitglied! (Das NSKK war als NSDAP-Gliederung ein ziem-
             lich elitärer, sehr NS-bewußter Verband.)
 
        Claas übte dieses Stadtkommissariatsamt laut u.a. des Fragebo-
        gens der Military Government of Germany (unterschrieben am
        4.3.1946) anscheinend bis zum 25.9.1943 aus, wurde dann wieder
        zur Wehrmacht bzw. Luftwaffe versetzt (Bodeneinsatz, Feldmuni-
        tionslager 11/XI "Weser" {*a}, Büro/Geschäftszimmer). Nach
        eigener Aussage (Lebenslauf vom 10.10.1946) erreichte ihn da
        "1944" die Nachricht, daß er (als gestandener und bewährter
        Mann?) ab dem "1.4.1944 endgültig ["endgültig"?] in die Verwal-
        tung des Generalgouvernements versetzt und als Reg.Amtmann über-
        nommen sei." 
        Versetzt also in ein völkisches, verbrecherisches und militäri-
        sches Inferno östlichen Zuschnitts sondergleichen; offenbar er-
        neut als "Verwaltungsbeamter", aber mutmaßlich doch wohl min-
        destens wieder auf kommissarischer Ebene (eigene Angabe: Reichs-
        besoldungsordnung "Gr 3 b"; was bedeutet das? Gruppe "B 3b" wäre
        gewaltig hoch, zu hoch für Claas?). Dazu kam es aber offenbar
        nicht mehr (widersprüchliche bzw. unklare eigene Aussagen hier-
        zu). Er geriet in französische Gefangenschaft.  
        Nach dieser wurde Claas am 18.2.1946 inhaftiert (MG of Germany-
        Fragebogen, siehe oben; Arrest Report: verhaftet in Hofheim am
        19.2.1946), am 1.3.1946 wurde er ins International Camp Darm-
        stadt (Internierungslager Darmstadt, Rheinstraße) überstellt.
        Beachte: Da in den damaligen sogenannten deutschen Ostgebieten
        neben Claas auch sein einstiger Kelkheimer Vorgesetzter, der
        SS-Bürgermeister Willi Graf (siehe unten), und darüber hinaus
        auch dessen Vorgänger, Jakob Rittgen (siehe oben), eingesetzt
        waren, steht angesichts dieses (zuächst nur augenscheinlichen)
        Trios, die bohrende Frage wie von selbst im Raum, ob und inwie-
        weit etwaige Zusammenhänge und Parallelitäten bestehen könnten.

        {*a} Die Bezeichnung "Weser" stammt nicht aus den Claas-Unter-
             lagen, sondern aus dem Internet-Aufsatz (eingesehen 3.3.
             2018): Wolfgang Gückelhorn, Der Eifelschreck - die V 1
             während des Zweiten Weltkrieges im Kreis Ahrweiler.

        Immerhin liegt auch über Grafs {*a} dunkle Aktivitäten dieser
        Zeit, gemeint ist die Zeit ab Januar 1940, als er "in den Krieg
        zog" (um das einmal so zu formulieren), Einiges an Akten vor,
        sie zeigen, daß partei- und regierungsamtliche Stellen zwar auf-
        zuklären suchten, aber über weite Strecken doch ratlos blieben:
        denn Graf hatte allem Anschein nach zwei Ämter inne (als das
        zweite dürfte trotz des Unterlagenwirrwarrs NSV-Amtswalter/
        Kreisamtsleiter in Zoppot/Gotenhafen {*b} anzusehen sein), er
        bezog somit auch, so die breit angelegte, surreal anmutende
        Ermittlungsdiskussion, mutmaßlich zwei Gehälter, war außerdem
        scheinbar Mitglied des 12. SS-Totenkopfregiments in Oranienburg
        (sogar der Begriff SS-Totenkopfstandarte kommt vor), taucht aber
        bei einer Vorladung in der Uniform der Waffen-SS auf, im stän-
        digen Gespräch ist der Wunsch nach einer UK-Stellung, doch es
        fällt auch die Wendung, es sei "Aufbauarbeit im Osten" zu
        leisten, dazu immer wieder das emsige Bangen um seine Bürger-
        meisterpension - denn obwohl er seit Januar 1940 dieses Amt
        nicht ausübte, war er immer noch Kelkheims Bürgermeister.
        Schließlich hatte Graf ein Parteigerichtsverfahren am Hals, auch
        fällt mehrfach der knallharte Ausdruck Dienststrafverfahren,
        eröffnet wird von alldem aber nichts mehr, der Pg- und SS-Seil-
        tänzer Graf stirbt - wie kam er jetzt bloß an die Invasionsfront
        so plötzlich? - am 14.6.1944 in Niort/Südwestfrankreich in einem
        Militärlazarett den Heldentod (er war die Treppe runtergefal-
        len), zurückblieb - "Unsagbar schwer traf mich die Nachricht"
        und "In tiefer stolzer Trauer" - die Witwe Anny, geb. Gerbig,
        Münsterer Straße 15, das war am damaligen Kiefernwäldchen vorbei
        zwei Häuser weiter.
        Zitat aus der Traueranzeige der Witwe: "Bürgermstr. d. Stadt
        Kelkheim/Ts. [/] Parteigenosse [/] Willi Graf [/] SS-Uscha.
        in einer SS-Division [/] Inh. des Kriegsverdienstkreuzes [/]
        2. Kl. mit Schwertern, der Ost- [/] medaille [sic] u. des
        Verw.-Abzeich., [/] Träger des gold. HJ.-Ehrenzeich." ("SS" in
        Runenform; Weiteres zu Claas und Graf in Vorbereitung; Quellen:
        u.a. Akten des HHStAW).

        {*a} Geb. 28.5.1902, Bad Homburg vor der Höhe (zur Biographie
             bzw. zum Beginn seiner Amtszeit siehe unter 1938, Dokument:
             Bericht im Höchster Kreisblatt vom 24.8.1938 "Kelkheims
             neuer Bürgermeister").

        {*b} Gotenhafen war 1939-1945 die NS-Bezeichnung für Gdynia
             (vormals Gdingen). Der polnische Name für Zoppot (sehr be-
             kanntes Ostseebad) lautet Sopot. Beide Städte sind westli-
             che Nachbarstädte Danzigs. Seit 1920 gehörte Gdingen zu
             Polen (Stichwort: Polnischer Korridor) und Zoppot zur
             Freien Stadt Danzig. Nach der Besetzung Polens gehörten
             alle drei, den Wirtschaftsraum Danzig-Zoppot-Gotenhafen
             bildend, zum Reichsgau Danzig-Westpreußen.

  {*10}


→ »»
                 [II] . . . und in Fischbach.

   Auch hier wurde zum Geburtstag des Führers gestern abend eine
Hitlerlinde gespflanzt. Unter den Klängen der guten Musikkapelle
übergab der Ortsgruppenleiter, Pg. Adam Glöckner {*1}[,] den
jungen Baum mit einer kurzen Ansprache in die Obhut der Gemeinde,
in deren Namen sie von Bürgermeister Bleistein {*2} mit ehrendem
Gedenken des Führers und seines großen Werks übernommen wurde[.]
Das Horst=Wessel=Lied beendete den kurzen, aber feierlichen Akt und
nun zog man in geschlossenem Zug, an der Spitze die Kapelle
und die SA[,] zum Parteilokal {*3}, wo sich eine Feier anschloß.
Hauptlehrer Roth {*4} hielt eine Ansprache, in der er die Bedeutung
dieses Tages und die Persönlichkeit des Führers eingehend würdigte.
Gesang= und Musikvorträge gestalteten den Abend aus, der so für die
Bevölkerung einen schönen Verlauf nahm {*5}.

                            *

   Zu schlichten, aber würdigen Feiern hatten sich gestern abend fast
in allen Gemeinden des Main=Taunus=Kreises die Partei= und
Volksgenossen versammelt, um des Führers an seinem 45. Geburtstag
zu gedenken.

                      [III] In Bad Soden 

fand eine Zusammenkunft im "Frankfurter Hof" {*5} statt, wo Kreisleiter
Fuchs {*6} eine kurze Ansprache hielt, die dem Führer und seinem
Wirken galt. Er richtete an alle die Auffordeung durch
nationalsozialistisches Denken und Handeln Adolf Hitler stets
nachzueifern und schloß mit dem Treugelöbnis zum Führer.

                        [IV] In Kriftel

fand die Feier im Saal "Zur Eisenbahn" {*7} statt. Die Ansprache
hielt Ortsgruppenleiter Hermann Hoß {*8}. Der Gesangverein
"Liederkranz" , die Turngemeinde, der neugegründete Mandolinenklub
unter Leitung von Lehrer Oppermann {*9}, ein von Frl. Butt {*10}
gesprochener Prolog, das von dem jungen Rehberger gezeigte
Kunstfahren, sowie Sprechchöre, Gedichte und ein Zwiegespräch
von HJ. und BDM. gaben der schönen Feier ihren Rahmen, die bei
allen erschienenen {*11} Volksgenossen eine tiefen Eindruck
hinterließ.    
«« ←

Textvergleich(e): 1 (11.8.2015)

   {*1} Adam Glöckner, Maurer, Kelkheimerstraße 4 (Di-Verz-NSDAP-GHN
        1934, MTK-A 1939); Nachfolger war Hugo Hundeborn, Bildhauer-
        meister, arbeitete in der Fabrik Gebrüder Dichmann AG, Kelk-
        heim; war dort auch an einer dem "Führer" gewidmeten Ausstel-
        lung, "Volk der Arbeit wach auf!" beteiligt, sein Kunstobjekt:
        der Hoheitsadler (Darstellung dazu siehe andernorts).
        MTK-A 1950: Adam Glöckner, Beruf, Adresse wie oben, Vorspann-
        kasten: 1. Beigeordneter; MTK-A 1952: Adam Glöckner, gleiche
        Adresse, Vorspannkasten und Adressenverzeichnis: Bürgermei-
        ster [!] (Recherche dringend nötig!).

   {*2} Paul Bleistein, Kaufmann, Kelkheimerstraße 14 (MTK-A 1939,
        MTK-A 1952: ebenda, Pensionär), Nachfolger: Johann Althen 2.,
        Schreinerei, Winkelgasse 9 (MTK-A 1939, MTK-A 1952)

   {*3} Zum grünen Baum, Langstraße 40, Gastwirt: Heinrich Kippert
        MTK-A 1939), Kippert war ein Pg (HK, 29.9.1937, S. 4; Kippert
        MTK-A 1950 und 1952: 00). Wie alle größeren Gaststätten damals
        hatte auch der Grüne Baum einen Saalbau. Gastwirt laut MTK-A
        1950 und 1952: Anton Glöckner; so hieß auch der ursprüngliche
        Besitzer, der 1898 den Saal hatte errichten lassen. Wahrschein-
        lich ist der Anton Glöckner von um 1950/1952 ein Sohn, denn im
        MTK-A 1952 wird unter der gleichen Adresse auch eine Witwe Anna
        Glöckner angegeben. Zum Wirtshaus auf einem Foto von 1904 samt
        einigen grundlegenden Daten siehe Kleipa 1999, S. 74. Auf dem
        Foto ist die Frontseite des Saals gut genug zu erkennen, um
        nachempfinden zu können, daß für damalige Verhältnisse die
        Gaststätte (nach Kleipa) das "Größte Haus am Platze" tituliert
        wurde, und dementsprechend verwundert auch nicht die Emporhebung
        zum NSDAP-Parteilokal (das Anwesen wurden 1969 abgerissen).

   {*4} Heinrich Roth, Paradiesweg 2 (MTK-A 1939; MTK-A 1952: ebenda,
        Hauptlehrer)

   {*5} Dachbergstraße 2, Besitzer: Wilhelm Müller (MTK-A 1939, MTK-A
        1952). Zentrale Veranstaltungs- und Versammlungsstätte, taucht
        in Berichten des Höchster Kreisblatt dieser Zeit stetig auf.
        Annonce (MTK-A 1939): Altbekanntes Gasthaus - Großer Saal -
        Schattiger Garten - Kegelbahn - Prima Apfelwein - Binding-Biere
        - Bürgeriche Küche. (Gasthaus besteht heute noch, seit 1886 in
        Familienbesitz.)

   {*6} Fritz Fuchs (siehe oben)

   {*7) Bahnhofstraße 40 (Ffm-A Kriftel 1930: Johann Lorenz Nix, Land-
        und Gastwirt, MTK-A 1952: Inhaber; MTK-A 1939: Johann Lorenz
        Nix, Gastwirt, Bahnhofstraße 6 (vermutlich Wohnadresse, oder
        Druckfehler).

        Dörfer und Städte im Dritten Reich im Hinblick auf historische,
        politische und/oder "einschlägige" Straßen- oder Plätzebezeich-
        nungen zu untersuchen ist ein aufschlußreiches Unternehmen.
        "Einschlägige" Bezeichnungen gab es übrigens überall und oft
        ziemlich gehäuft.
        Das kleine Kriftel zum Beispiel (im Dritten Reich mit Hofheim
        baulich noch nicht verbunden, 1939 2300 Einwohner), hatte laut
        MTK-A 1939 u.a. die folgenden - vom König-Kaiserlichen bis zum
        zeitlich Einschlägigen reichenden - Straßenbezeichnungen: 
        Friedrichstraße, Biskmarckstraße, Hindenburgstraße, Adolf-
        Hitler-Straße, Horst-Wessel-Straße, Jakob-Sprenger-Straße
        (Sprenger: Gauleiter). Weiterhin gab es noch: Schillerstraße,
        Richard-Wagner-Straße und Jahnstraße. Ob diese drei Bezeichnun-
        gen schon vor dem dritten Reich existierten? Eine scheinbar
        "kaum ableitungsfähige" Bezeichnung, wie z.B. Goethestraße, hat
        es im Dritten Reich nicht gegeben. Heute hat Kriftel allerdings
        (wieder?) eine Goethestraße und die Richard-Wagner-Straße gibt
        es auch noch - warum auch nicht, aber ein schwerwiegender Pro-
        blemfall ist er, der Richard Wagner, trotzdem.
 
   {*8} Hermann Hoß, Bahnhofstraße 7, Vorsitzender des Gartenbauwirt-
        schaftsverbandes (Di-Verz-NSDAP-GHN 1934, MTK-A 1939; MTK-A
        1952: Gärtner; es gab 1939 in Kriftel noch zwei weitere Hermann
        Hoß, senior und junior)
 
   {*9} Rudolf Oppermann, Lehrer, Taunusstraße 31 (Ffm-A Kriftel 1931),
        Hofheim, Feldbergstraße 3 (MTK-A 1939, MTK-A 1952).
        Verzeichnet ist im MTK-A 1939 unter Kriftel übrigens auch
        Bruno Semrau, Hauptlehrer [= Rektor an einer Volksschule],
        Schulstraße 14. Er kam von Kelkheim, Wilhelmstraße 18 (Ffm-A
        Kelkheim 1931 und 1932, Berufsangabe: Lehrer) und zieht später
        wieder nach Kelkheim zurück, wieder in die Wilhelmstraße, in
        die kaiserliche Nobelallee, Hausnummer 10 (als Pensionär in
        den 1960ern: Gimbacher Weg 2).
        Wilhelmstraße 10 war die Villa des Wilhelm Scholl, Maurermei-
        ster, Baugeschäft (Ffm-A Kelkheim 1930 bis 1943, ebenso in
        MTK-A 1939; MTK-A 1950 und 1952: Bauunternehmer, MTK-A 1962/63
        bis 1968/69: Rentner bzw. Maurermeister); Scholls Ehefrau,
        Katharina Scholl (gestorben 1935), war eine der Schwestern der
        sieben Dichmann-Brüder der Dichmann AG; der Sohn der beiden,
        Wilhelm ("Willi") Scholl, Architekt, wohnhaft ebenda (MTK-A
        1939/Branchenverzeichnis unter "Architekten", Telefonnummer
        wie Baugeschäft), arbeitete im Krieg in der Firma Dichmann in
        rüstungsverantwortlicher Stellung; bei Dichmann war er nach
        dem Krieg offenbar nur noch wenige Jahre tätig, er starb, wie
        seine Tochter diesem Verf. freundlicherweise mitteilte, nach
        langer Krankheit 1959 (das Örtliche Fernsprechbuch Kelkheim
        1956, Stand 1.7.1956, gibt unter seinem Namen und seiner Adres-
        se mit Berufsangabe "Architekt" als Telefonnummern die der
        Firma Dichmann an, versehen ist der Eintrag mit "+" und "üb."
        (= über), was für Weiterverbindung steht; wie dieser Eintrag,
        bei Vergleichsfällen ohne Weiteres einsichtig, hier zu verste-
        hen ist, ist noch unklar; einen Druckfehler kann man eigentlich
        nicht vermuten, im Telefonheft ein Jahr später ist der Eintrag
        gelöscht; Weiteres siehe die in Vorbereitung befindliche Ausfüh-
        rung zur Dichmann AG; beachte: bis Anfang August 2018 ging aus
        dieser Anmerkung nicht hervor, daß der Name "Wilhelm Scholl" für
        zwei Personen gilt, nämlich für Vater und Sohn).
        Bruno Semrau war auch oder vor allem Musiklehrer, er spielte
        Geige und leitete in Kriftel den Männerchor. In Kelkheim war
        er an der Volksschule spätestens seit der Nachkriegszeit tätig,
        hier erlebte ihn dieser Verf. als Musiklehrer. Nach Kelkheim
        zog Semrau wahrscheinlich noch im Krieg. Über den Grund des
        Zuzugs wird man sich wohl noch Gedanken machen müssen, denn
        jetzt war Semrau nicht mehr Leiter einer Schule.
        Semraus Sohn Reiner wird in der Nachkriegszeit und in den 1950er
        Jahren in der lokal bekannten Kapelle Diefenbach (wohnhaft in
        Sossenheim) im Bereich moderne Tanzmusik zumindest bei inter-
        essierten Jugendlichen eine nicht unwichtige Rolle spielen.   
        "Nicht unwichtig", weil für eine kulturelle Neuorientierung im
        zwangsläufig zurückgebliebenen Kelkheim von nicht zu unterschät-
        zender Bedeutung. Reiner Semrau spielte Klarinette und Tenor-
        saxophon, wurde später Lateinlehrer und wohnte Nach dem Busch
        10, im Hinterhaus der Schreinerei Karl Schamberger. Ein Haus
        davor befand sich die für Kelkheims Nachkriegsgeschichte so be-
        deutende soziale Anlaufstation, die Gärtnerei Buchsbaum, und es
        befand sich da einst auch eine Mühle, deren Mühlrad der Erinne-
        rung nach sich nach dem Krieg noch drehte, wenn auch stockend.
        Die Kapelle Diefenbach gehörte zu den frühen Einflüssen, die der
        Guder-Kreis begierig aufnahm, und kein Wunder zwei aus diesem
        Kreis, Manfred Guder und Helmut Bögner, waren dann auch ent-
        scheidend bei der Gründung des Kelkheimer Jazzclubs beteiligt,
        des Jazzclubs in seiner damaligen inhaltlichen Form jedenfalls
        (Bögner wanderte übrigens kurz darauf nach Südafrika aus). Das
        erste Domizile des Clubs befand sich im Keller der Willas-Villa
        Gundelhardtstraße Ecke Am Berg. Daß Am Berg einst Ostmarkstraße
        hieß (siehe hierzu andernorts), dürfte damals keiner der Akteure
        gewußt haben (von der Unterstadt ist eine fotografische Rekon-
        struktion in Planung, zum Guderkreis werden bei Gelegenheit
        "Erinnerungen und Deutungen" angeboten und Bögners einstiger
        Familienwohnsitz in der Firma Dichmann, in der Bergstraße, dem
        ursprünglichen Stammsitz der Dichmann-Dynastie, wird im Zusam-
        menhang mit der Aufarbeitung der fürchterlichen Rolle dieser
        Firma im Dritten Reich natürlich nicht in Ausführungen dazu 
        fehlen, nebenbei: von dem Dichmann-Stammsitz steht heute auch
        nichts mehr).

  {*10} Karl Butt, Polizeihauptwachtmeister, Beyerbach (Ffm-A Kriftel
        1931; Ffm-A Kriftel 1930: 00, MTK-A 1952: 00). Anna But[t], ohne
        Beruf [Hausfrau?], Horst-Wessel-Straße 23 (MTK-A 1939; MTK-A
        1952: 00).
        Zum Namen "Beyerbach" (Erklärungsversuch nach den spärlich vor-
        liegenden Quellen): In der Gründerzeit (2. Hälfte des 19. Jh.)
        baute ein Carl Beyerbach in einem dafür ausgewiesenen und wohl
        angekauften Gebiet eine Staniolkapselfabrik auf. Beyerbach wurde
        zum "Fabrikanten", zum Großindustriellen, und natürlich hatte er
        auch bald sein Herrschaftshaus, die Villa Beyerbach, Unter dem
        Dorf 1. Später führten Beyerbach Nachf. das Unternehmen weiter.
        Das Gebiet war zu "Beyerbach" geworden. Sogar die Farbwerke
        Höchst hatten dort eine Niederlassung, die Außenstelle "Farben-
        fabrik Beyerbach". Diese mußte im Ersten Weltkrieg mangels Roh-
        stoffen und Arbeitskräften schließen.
        Wer waren die Butts? Vor allem wer war eigentlich und wo wohnte
        Karl Butt? Er hatte immerhin Telefon, 1930 eine Rarität. War er
        in Beyerbach (in einem Dienstgebäude) ansässig oder residierte
        der Hauptwachtmeister gar in der Villa? War Erna Butt seine
        Tochter? Doch damals wurden auch ältere unverheiratete Frauen
        mit "Frl." "tituliert".
        Auch hier wird wieder deutlich, ohne innere Ortskenntnisse keine
        Lokalgeschichte - und Lokalgeschichte kann hochinteressant sein,
        wenn sie versucht, "einfache" Menschen aus ihrer Anonymität zu
        holen, Geschichte plastisch zu machen, wie immer das jedoch im
        Einzelfall ausgehen mag. 
        Nebenbei: Auch in Kelkheim entstanden in der sogenannten Kaiser-
        zeit solche Villen - ungefähr zehn.

        Spezielle Quellen (Internet):
        Verein für Computergenealogie, Historische Adreßbücher, Einträge
        für Kriftel, 1902 (eingesehen 21.5.2017)
        Wilfried Krementz, Kriegszeiten sind Notzeiten - Kriftel im
        1. Weltkrieg, Homepage: Historische Gesellschaft Eschborn e. V.
        (sehr aufschlußreicher Beirag, eingesehen 21.5.2017, auch
        erschienen im MTK-Jahrbuch 2006, nicht eingesehen)

  {*11} Was sonst?
 









[1934]

Online: 18.4.2017, Version: 1.52, 4.11.2018

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Bearbeitungen und Kommentare (c) Diethelm Paulussen (siehe Titelseite)